Wofür man lebt - Ein Plädoyer zum Tag der deutschen Einheit

Ich lebe nun seit ca. 8 Jahren in Geisa und das ist gut so. Ich bin aus Westdeutschland und lebe mit meinem Partner aus Ostdeutschland im Wartburgkreis zusammen.
Wir hatten uns damals bewusst für Geisa entschieden und sind dort in unsere erste gemeinsame Wohnung gezogen. Wir durften unseren zwei Jungs das Leben schenken, was für uns wahrscheinlich das größte Wunder unserer Existenz darstellt.
Beziehungen zu führen bedeutet Arbeit, im Kleinen wie im Großen.
Heute ist Tag der deutschen Einheit. Ein geschichtsträchtiger Tag und für mich persönlich ein Tag, dem ich verdanke dass meine Familie überhaupt entstehen konnte.

Vor kurzem war eine umstrittene Partei zum Bürgerdialog in Geisa. Da mir das politische Verhalten dieser Partei bereits seit über elf Jahren eher negativ aufgefallen ist, war es mir wichtig hinzugehen.
Einerseits habe ich durch den noch frischen Verlust meines geliebten jüngsten Sohnes genug Sorgen, Schmerz und Trauer und anderseits war es mir gerade deshalb ein Anliegen Präsenz zu zeigen. 
Wer u. a. Inklusion abwertend als Ideologieprojekt bezeichnet, setzt neue Barrieren anstatt nach fortschrittlichen Lösungen zu suchen. In Anbetracht des demografischen Wandels sehe ich keine Sorge Integrationskindern die nötigen Fachkräfte zur Verfügung zu stellen. Ich kann mir vorstellen, dass sonderpädagogische Lehrkräfte ein Interesse haben an Regelschulen zu arbeiten. Wer will, findet Wege und schafft Arbeitsplätze. Das beste was Arno passieren konnte war das Aufwachsen im Regelkindergarten als I-Kind. Er hatte sich auch dadurch trotz seines Syndroms vorteilhaft entwickelt. Andere Kinder mochten ihn. Viele lernten dass Anderssein nichts befremdliches ist, sondern etwas liebenswertes darstellt. Diese Kinder werden später keine Grenzen (im Sinne der Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung) aufbauen.
Für mich war das kürzlich stattfindende Inklusionssportfest in Geisa ein voller Erfolg. Ich bin Gutmensch und ich bin stolz darauf.
 
Das gleiche empfinde ich für Menschen mit Migrationshintergrund. Ich bin froh dass in Geisa ein netter Änderungsschneider arbeitet, welcher eine beeindruckende Lebensgeschichte mitbringt. Als ich spontan für das Inklusionsfest ein für mich wichtigen Pullover als T-Shirt umnähen lassen wollte, bin ich mit dem Herrn ins Gespräch gekommen. Als ich ihm meine Not erklärte dass ich dieses Shirt schon zeitnah brauche, erklärte er sich trotz der riesigen Berge Näharbeit bereit das Shirt zügig umzunähen. Er ist ein herzlicher Mann, welcher unter Tränen in den Augen erzählte dass auch er in seiner Kindheit zwei junge Brüder verloren hat. Er ist ein verwaister Bruder wie Marlo. Ich bin froh dass solche Menschen unsere Gesellschaft bereichern. Genauso gerne arbeite ich im Klinikum mit zahlreichen Menschen mit Migrationshintergrund zusammen. Für mich sind diese Menschen nicht befremdlich. Mich beängstigen Aussagen über Remigrationspläne.

Fortschritt, besonders im medizinisch-wissenschaftlichen Bereich, muss global gedacht werden. Ich bin ein Freund der EU. Ebenso ein Freund von internationaler konstruktiver Vernetzung.

Am Tag des Bürgerdialogs reihte ich mich also in die Seite des Gegenprotestes ein und gesellte
mich später ins Kulturhaus zum Bürgerdialog. Ich wollte mir ein Bild machen von den aktuellen politischen Zielen besagter Partei.
Die Standing Ovations zu Beginn und das stetige Applaudieren fühlte sich absurd an. Auch das Rechtfertigen warum man sich vor allem unter Gleich-Hautfarbigen wohlfühle (an dem Beispiel der National-Elf) klang keines Applauses wert. Dass man den demografischen Wandel und die Probleme der Sozialsysteme durch eine extreme Steigerung der deutschen Geburtenrate stoppen wird ist mehr als utopisch.
Die Veranstaltung des Bürgerdialogs und des Gegenprotestes verliefen wie erwartet friedlich. Manche Theorien dass die Geisaer Bürgerschaft nun gespalten ist, halte ich für überzogen.
Man muss politischen Gegenprotest als demokratischen Diskurs auch aushalten können.
Das Unverständnis mancher warum kein Gegenprotest bei anderen Partei-Bürgerdialogen stattfindet, erkläre ich damit dass andere Parteien sich in der Vergangenheit nicht mit sehr bedenklich-politisch auffälligen Aussagen in eine solche Misere geritten haben.
 
Kurzum ist unser ganzes politisches Gewäsch sowieso nur ein kleiner Ruck auf dem winzigen Planeten Erde im unfassbaren Weltall.
Am Ende eines Lebens zählen bei jeder Existenz vor allem die gesunden Momente voller Verbundenheit und Liebe und nicht die Ausgrenzung von Populationen aufgrund von Andersartigkeit. Aber das ist ja lediglich nur meine eigene Meinung und Lebenserfahrung.


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